1981 bekam ich während meines Zivildiensts eine alte Gitarre geschenkt: Eine
Framus 5/50, Bauweise
"Archtop" mit F-Löchern, die Framus zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1970er in mehreren Varianten gebaut und die
seinerzeit laut Katalog 90 DM gekostet hat (war damals relativ viel
Geld). Sie war in einem recht beklagenswertem Zustand - hatte viele Macken und Schrammen
im Lack und unterhalb des Halses hatte wohl jemand mal einen Pickup
angeschraubt; die Löcher waren deutlich zu sehen. Bridge, Sattel und
Schlagbrett fehlten und die ohnehin primitiven Mechaniken waren
schwergängig und zum Teil verbogen, die Saitenhalterung (das sog. Tailpiece) angerostet. Ich
hatte damals die Löcher mit Holzkitt zugespachtelt, ein cremefarbenes,
gut dazu passendes Schlagbrett von einer anderen Gitarre angeschraubt und
einen Messingsteg eingebaut (selbst gekerbt - was nicht schwierig war, da das Griffbrett einen Nullbund hat) und preiswerte,
gekapselte Schaller-Mechaniken sowie eine neue Bridge mit einem
Metalloberteil und einzeln einstellbaren Reitern eingesetzt. Danach war
die Gitarre spontan recht gut bespielbar - der Klang jedoch äußerst
bescheiden: kaum Sustain, wenig Bässe und sehr trocken, fast wie ein
Banjo. Das lag sicherlich an dem recht kleinen Korpusvolumen, aber wohl
auch an der Sperrholzdecke, die ja nicht nur bei einer Archtop eine
wesentliche Rolle spielt. In der Folge hatte ich sie nur selten
gespielt und aus irgendeinem Grund dann irgendwann außer Betrieb
genommen. Ohne Saiten hing sie nun seit ca. 15 Jahren an der Wand und wurde von mir weitgehend ignoriert. Ich hatte inzwischen eine ganze Reihe anderer Gitarren, die einfach mehr Spaß machten.
Ich hatte ohnehin keine besondere Leidenschaft für Archtops. Diesen doch sehr konservativ aussehenden Gitarren, die eher wie etwas zu kleine Cellos aussahen und mit diesen altmodischen F-Löchern daherkamen, hatte ich nie viel Beachtung geschenkt. Man nannte sie in Deutschland früher auch "Schlaggitarre" oder "Jazzgitarre" und mir kamen sie immer vor, als wären sie bestenfalls für Rockabilly geeignet. Später hatte ich irgendwo gelesen, dass die seltsame Bauform daher kam, dass man versucht hatte, die Instrumente so laut wie möglich zu bekommen, damit sie sich ohne Verstärkung in einer kleinen Band gegen ein Schlagzeug oder einen Chor durchsetzen konnten.
Meine Eltern hatten sich Anfang der 1960er auch so eine gekauft, in der festen Absicht, bei Gelegenheit mal das Gitarrespiel zu erlernen. Dazu kam es jedoch nie und die Gitarre fristete ihr verstaubtes Dasein im elterlichen Kleiderschrank. Sie hatte ein schwarzes Finish mit weißem Pickguard und Binding und war womöglich ebenfalls von Framus gebaut, allerdings stand kein Name drauf oder drin. Sie hatte keinen Trussrod eingebaut und ich kann mich erinnern, dass eins von den Nachbarskindern irgendwann mal geschafft hatte, die Kopfplatte abzubrechen.
Von all dem war ich 1981 weit entfernt. Ich spielte seit drei Jahren mit großen Ambitionen (und wenig Talent) und besaß eine Cimar (by Ibanez) Nylon, eine schon gut 10 Jahre alte Ibanez SG (aus der "Lawsuit"-Ära) und eine akustische Noname 12-String, die fast unbespielbar war. Mein Traum damals war eine 12-saitige Ovation, die ich mir noch während des Zivildienstes geleistet hatte. Weitere Träume gingen erst viel später in Erfüllung, da ich lange keine Zeit mehr für Musik hatte. 2012 leistete ich mir endlich eine Rickenbacker 360/12 - ebenfalls eine Archtop-Bauform. Das weckte mein Interesse an meiner alten Framus im Dornröschenschlaf. Ob eine Restauration sich lohnen würde? - Klar war, dass ich neue Teile brauchen würde. Von den 1981 ersetzten Einzelmechaniken war eine verlorengegangen und ich hatte keine Ahnung, wo ich den ohnehin nicht idealen Steg verstaut hatte, der ohne Saiten auf so einer Gitarre ja keinen Halt hat. Ich ging also auf die Suche nach passenden Ersatzteilen. Dabei stolperte ich im Internet über die Tatsache, dass die von mir durchaus geschätzte Firma Gibson in den 1940er Jahren
mit der ES-125 eine von der Form her recht ähnlich aussehende Gitarre
auf den Markt gebracht hatte:
Gibson ES-125 - Wikipedia, the free encyclopedia
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| Eine echte Gibson ES-125 (Copyright: guitarsandeffects.com) |
Was bei Wikipedia nicht steht, ist dass Gibson die ES-125 auch mit kurzer Mensur (57,8 mm statt 62,5 mm) und einem deutlich kleineren Korpus gebaut hat - und da kommen wir der Sache doch schon näher (auch wenn die Framus die normal lange Mensur aufweist):
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| Gibson ES-125T |
Die ES-125 hatte zunächst keinen Cutaway, dafür aber den legendären
P-90 Pickup in der Halsposition (das ist der Single-Coil-Pickup, den
auch die ersten Les Pauls hatten, bevor die Humbucker erfunden wurden).
Was also lag näher, als meine ohnehin akustisch mies klingende Framus
in eine toll klingende elektrische Gibson zu verwandeln? - Eine kurze
Recherche ergab, dass alle benötigten Teile frei erhältlich waren (auf der Gibson-Seite gibt es sogar den originalen
Schaltplan), also
habe ich zunächst einen originalen Gibson P-90 Pickup (Dog-Ear), sowie
das dazu passende Schlagbrett erstanden. Erst danach musste ich
feststellen, dass die Decke der Framus viel zu stark gewölbt war, um
den P-90 einfach so darauf zu schrauben. Außerdem benötigte der P-90 doch eine
Ausfräsung von nicht unbeträchtlicher Größe, aber davon später. Eine
neue Saitenhalterung (Tailpiece) im Gibson-Archtop-Stil gab es bei
Rockinger,
einen Satz Schaller Deluxe-Mechaniken hatte ich noch übrig von meiner längst verstorbenen Ibanez SG.
Thomann hatte nicht nur den originalen Gibson P-90, sondern auch
Gibson Vintage Potis (500 kOhm) mit den originalen Gibson-Knöpfen,
sowie eine Endpin-Klinkenbuchse und eine neue Bridge aus Ebenholz. Auf der
Framus-Webseite fand ich dann den Weg zum
Warwick-Shop, wo ich ein
neues Framus-Logo (das alte war teilweise abgeblättert), eine
Vintage-Trussrodschrauben-Abdeckung (mit Framus-Weltkugel-Logo) und
einen Kunststoff-Sattel bestellte.
Was noch fehlte, war ein Dremel für die Fräsarbeiten, aber den wollte
ich sowieso immer mal haben. Das Loch war schnell gefräst und darunter
waren zum Glück keine Verstrebungen, allerdings musste ich feststellen,
dass ich mich bei der Ausrichtung des Pickups zu stark nach der
Mittellinie der zweigeteilten Decke gerichtet hatte. Der Hals sitzt
jedoch ein paar Millimeter weiter rechts. Zum Glück ist die
Dog-Ear-Kappe groß genug, so dass das Loch etwas breiter werden durfte.
Als nächstes waren dann die Mechaniken dran. Die neuen überdeckten
leider die Schraubenlöcher der alten nicht, weshalb ich die erstmal mit
eingeleimten Zahnstochern stopfen musste.

Die
überstehenden Zahnstocherstiele wurden vorsichtig plangeschliffen und mit schwarzem Nagellack überzogen. Nagellack bietet sich an, weil er wie der alte Originallack ebenfalls auf Nitrocellulosebasis ist. Danach kamen die Schaller-Deluxe-Mechaniken drauf, dann habe ich provisorisch Saiten aufgezogen um den Pickup auszurichten und
zu fixieren. Schließlich wurden die Löcher für die Potis gebohrt, die Elektrik verlötet und
eingebaut. Schlagbrett montieren, Pickup-Kappe und Bridge der Deckenrundung
anpassen und aufsetzen - fertig ist die Framus-Gibson!

Halt - so einfach war es dann doch nicht! - Insgesamt war das doch
um Einiges komplizierter, als ich mir das vorgestellt hatte. Zunächst mal
hatte ich mir bei YouTube ein paar Lehrvideos von
Stewart-McDonald
angeschaut. Darin zu finden war eine geniale Idee, wie man es schafft,
die Potis einzubauen, die ja von innen durchgesteckt werden müssen: man
kauft im Baumarkt zwei Plastikschläuche mit 6mm Innendurchmesser, führt
die von außen durch die Löcher, bis sie an der Pickup-Öffnung wieder
erscheinen. Dann zuerst die Federringe draufschieben und schließlich
werden die Potiachsen einfach in die Schlauchenden gesteckt. Dann die
Schläuche vorsichtig zurückziehen und die Potis erscheinen genau da, wo
sie hin sollen. Festschrauben, fertig. Leider hatte ich versehentlich das Tone-Poti falschrum angelötet.
Wegen der logarithmischen Kennlinie konnte ich das auch nicht so lassen,
also alles wieder zurück und auf Anfang. Schwierigkeiten gab es auch
bei der Klinkenbuchse. Hier hatte ich eine Endpin-Buchse gekauft, wo man
also gleichzeitig den Gurt dranhängen kann, denn ich wollte nicht noch
ein Loch bohren. Hätte ich aber besser gemacht, denn die Gitarre hat
innen eine dicken Holzblock, durch den ich von außen nicht nur
durchbohren musste, die Bohrung musste hinter dem äußeren Loch auch noch
erweitert werden, da das Buchsengehäuse da dicker war, als das Stück,
das nach außen durchgesteckt wird. Ging dann aber mit dem Dremel noch
ganz gut.
Im zweiten Lehrvideo haben ich dann gelernt, wie man eine Archtop-Bridge
perfekt an die Deckenwölbung anpasst: Es wird einfach ein Streifen
Schmirgelpapier auf die Decke geklebt, an die Stelle wo später die
Bridge sitzen soll. Dann die Bridge aufsetzen und kurz vor und
zurückbewegen, bis alles abgeschliffen ist. Hat bei mir trotz vorherigem
Dremeleinsatz gut zwei Stunden gedauert, denn die Framus hat wie gesagt schon eine recht
extreme Deckenwölbung. Den Trick habe ich dann für das Pickup-Gehäuse
wiederholt, da kam aber anschließend noch ein 2mm dickes Stück schwarzen
Moosgummis drunter, das ich aus einem Mousepad gewinnen konnte.
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| Oben links ein Blick ins Innere. "65K" bedeutet, dass die Gitarre im
November 1965 hergestellt wurde. Oben rechts die Kopfplatte mit
entfernten Logoresten und noch ohne Sattel, Trussrodschraubenabdeckung
und Mechaniken. Die Öffnungen wurden bereits vor 30 Jahren von mir aufgebohrt.
Mitte links: Die Potis wurden "fliegend" verdrahtet, wobei der
Lochabstand gleich berücksichtigt wurde. Die Verbindung ist recht
starr., was das Einbauen etwas erleichtert. Mitte rechts: Die fertig
vorbereitete Decke mit allen Bohrungen.
Fotos unten: Hier kann man sehr schön die relativ starke Deckenwölbung erkennen. |
Die neuen Mechaniken passten von der Größe her gut, wenngleich die tulpenartigen
Flügel einer Les Paul besser stünden, aber egal. Das neue Logo war auch
spielend aufgeklebt, wobei ich feststellen musste, dass das alte Logo
einen Tick größer war. Macht aber nichts. Die Trussrodabdeckung aus dem Framus-Vintage-Shop passte nicht auf die vorhandenen Schraubenlöcher, deckte diese aber trotzdem gut ab. Ich hab es dann bei einer Schraube belassen, deren Loch bereits vorgebohrt war.
Bei der Saitenhalterung
gab es ein kleines Problem - nachdem ich die Saiten aufgespannt hatte, bekam
ich den Eindruck, dass es schief sei. Da es zwei Schrauben hat, mit dem
man den Abstand justieren kann, habe ich das mal gemacht- großer
Fehler! Denn die Saiten waren noch drauf und offenbar ist dann der Zug
zu hoch, jedenfalls hatte ich schnell das Gewinde der rechten Schraube
geschrottet. Ein neues Tailpiece musste also her (24 Euro). Hatte kurz
dabei überlegt, eine etwas kürzere Version zu kaufen (7 statt 11 cm),
denn meine Framus ist ja deutlich kleiner als die Gibson, mich dann aber
doch nochmal für das große Teil entschieden.
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| Fertig - aber zunächst leider kaum bespielbar! |
Die große Enttäuschung kam, als ich die Saiten dann drauf hatte - der
Hals war nur grenzwertig bespielbar. Bis zum 5. Bund noch ganz OK, wurde
es weiter höher immer schlimmer. Die B-Saite hatte dann am 12. Bund
bereits den Ton vom 14., d.h. im 12., 13. und 14. Bund erklang dieselbe
Note. Klar, hier war wohl ein Bundstäbchen zu hoch. Das Abrichten
wollte ich aber nicht selbst machen, denn dabei kommt es auf Bruchteile
von Millimetern an; man braucht also mindestens die Messwerkzeuge.
Also ab zu
Uli Kurtinats Gitarrenladen in Köln-Ehrenfeld.
Der Hals musste jedoch von Grund auf neu eingestellt und die Bünde abgerichtet
werden. Der Nullbund war zu niedrig und musste komplett erneuert
werden. Als ich nach vier Wochen die Gitarre zurückbekam, bin ich fast
hintenrüber - sie ist jetzt perfekt eingestellt, die Saitenlage
ultraflach und so ist sie beinahe leichter zu bespielen als meine Telecaster.
Das Griffbrett sieht aus wie neu und die Bünde glänzen. Auch der Klang
hat deutlich gewonnen - sicherlich gibt es Gitarren mit längerem Sustain, aber das ist jetzt weit entfernt vom perkussiven, allzu trockenen Fast-Banjo-Klang nach meiner "ersten Hilfe" 1981. Einen großen Anteil daran hat sicherlich der jetzt perfekt angepasste Ebenholz-Steg und auch das schwere Tailpiece aus massivem, verchromtem Stahl. Die Schwingungen werden so viel besser auf die Decke übertragen. Und nicht zu vergessen die großartige Leistung von Rüdiger, dem Gitarrenbauer in Uli's Musikladen. Das waren die besten 141 Euro, die ich hier investiert habe.
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| Dieses Foto hat zum Vergleich eine ähnliche Perspektive wie das der
Gibson ES-125 oben. Die Framus ist deutlich schmaler und
etwas kürzer als die Gibson, wobei die Mensur identisch ist (62,5 cm).
Die allererste ES-125 (gebaut 1941/42) war jedoch schmaler: nur 36 cm.
Die Framus hat 34 cm an der breitesten Korpus-Stelle. |
Ob sich der Aufwand nun gelohnt hat? Gut 370 Euro habe ich an Material
und für die Werkstatt ausgegeben, wobei ich die Gitarre selbst ja schon
hatte. Dazu kommen noch gut 10 Stunden Arbeit auf meiner Seite. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Gitarre (von der gesperrten Decke abgesehen) schon hochwertig verarbeitet ist, hat sich die Modifikation durchaus gelohnt. Der Klang, auch über den Pickup, ist einfach klasse und ich mag besonders den kleinen, sehr handlichen Korpus, der ungefähr Parlor-Dimensionen hat.
Hätte ich nichts gemacht, hätte ich die Gitarre irgendwann entsorgt -
wäre schade drum gewesen. Also war das aus meiner Sicht eine vernünftige
Investition.
Aber die Geschichte geht noch weiter...
HIER!