Sonntag, 17. Februar 2013

Das Framus-Gibson-Projekt

1981 bekam ich während meines Zivildiensts eine alte Gitarre geschenkt: Eine Framus 5/50, Bauweise "Archtop" mit F-Löchern, die Framus zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1970er in mehreren Varianten gebaut und die seinerzeit laut Katalog 90 DM gekostet hat (war damals relativ viel Geld). Sie war in einem recht beklagenswertem Zustand - hatte viele Macken und Schrammen im Lack und unterhalb des Halses hatte wohl jemand mal einen Pickup angeschraubt; die Löcher waren deutlich zu sehen. Bridge, Sattel und Schlagbrett fehlten und die ohnehin primitiven Mechaniken waren schwergängig und zum Teil verbogen, die Saitenhalterung (das sog. Tailpiece) angerostet. Ich hatte damals die Löcher mit Holzkitt zugespachtelt, ein cremefarbenes, gut dazu passendes Schlagbrett von einer anderen Gitarre angeschraubt und einen Messingsteg eingebaut (selbst gekerbt - was nicht schwierig war, da das Griffbrett einen Nullbund hat) und preiswerte, gekapselte Schaller-Mechaniken sowie eine neue Bridge mit einem Metalloberteil und einzeln einstellbaren Reitern eingesetzt. Danach war die Gitarre spontan recht gut bespielbar - der Klang jedoch äußerst bescheiden: kaum Sustain, wenig Bässe und sehr trocken, fast wie ein Banjo. Das lag sicherlich an dem recht kleinen Korpusvolumen, aber wohl auch an der Sperrholzdecke, die ja nicht nur bei einer Archtop eine wesentliche Rolle spielt. In der Folge hatte ich sie nur selten gespielt und aus irgendeinem Grund dann irgendwann außer Betrieb genommen. Ohne Saiten hing sie nun seit ca. 15 Jahren an der Wand und wurde von mir weitgehend ignoriert. Ich hatte inzwischen eine ganze Reihe anderer Gitarren, die einfach mehr Spaß machten.

Ich hatte ohnehin keine besondere Leidenschaft für Archtops. Diesen doch sehr konservativ aussehenden Gitarren, die eher wie etwas zu kleine Cellos aussahen und mit diesen altmodischen F-Löchern daherkamen, hatte ich nie viel Beachtung geschenkt. Man nannte sie in Deutschland früher auch "Schlaggitarre" oder "Jazzgitarre" und mir kamen sie immer vor, als wären sie bestenfalls für Rockabilly geeignet. Später hatte ich irgendwo gelesen, dass die seltsame Bauform daher kam, dass man versucht hatte, die Instrumente so laut wie möglich zu bekommen, damit sie sich ohne Verstärkung in einer kleinen Band gegen ein Schlagzeug oder einen Chor durchsetzen konnten.
Meine Eltern hatten sich Anfang der 1960er auch so eine gekauft, in der festen Absicht, bei Gelegenheit mal das Gitarrespiel zu erlernen. Dazu kam es jedoch nie und die Gitarre fristete ihr verstaubtes Dasein im elterlichen Kleiderschrank. Sie hatte ein schwarzes Finish mit weißem Pickguard und Binding und war womöglich ebenfalls von Framus gebaut, allerdings stand kein Name drauf oder drin. Sie hatte keinen Trussrod eingebaut und ich kann mich erinnern, dass eins von den Nachbarskindern irgendwann mal geschafft hatte, die Kopfplatte abzubrechen.

Von all dem war ich 1981 weit entfernt. Ich spielte seit drei Jahren mit großen Ambitionen (und wenig Talent) und besaß eine Cimar (by Ibanez) Nylon, eine schon gut 10 Jahre alte Ibanez SG (aus der "Lawsuit"-Ära) und eine akustische Noname 12-String, die fast unbespielbar war. Mein Traum damals war eine 12-saitige Ovation, die ich mir noch während des Zivildienstes geleistet hatte. Weitere Träume gingen erst viel später in Erfüllung, da ich lange keine Zeit mehr für Musik hatte. 2012 leistete ich mir endlich eine Rickenbacker 360/12 - ebenfalls eine Archtop-Bauform. Das weckte mein Interesse an meiner alten Framus im Dornröschenschlaf. Ob eine Restauration sich lohnen würde? - Klar war, dass ich neue Teile brauchen würde. Von den 1981 ersetzten Einzelmechaniken war eine verlorengegangen und ich hatte keine Ahnung, wo ich den ohnehin nicht idealen Steg verstaut hatte, der ohne Saiten auf so einer Gitarre ja keinen Halt hat. Ich ging also auf die Suche nach passenden Ersatzteilen. Dabei stolperte ich im Internet über die Tatsache, dass die von mir durchaus geschätzte Firma Gibson in den 1940er Jahren mit der ES-125 eine von der Form her recht ähnlich aussehende Gitarre auf den Markt gebracht hatte:
Gibson ES-125 - Wikipedia, the free encyclopedia
Eine echte Gibson ES-125 (Copyright: guitarsandeffects.com)
Was bei Wikipedia nicht steht, ist dass Gibson die ES-125 auch mit kurzer Mensur (57,8 mm statt 62,5 mm) und einem deutlich kleineren Korpus gebaut hat - und da kommen wir der Sache doch schon näher (auch wenn die Framus die normal lange Mensur aufweist):
Gibson ES-125T
Die ES-125 hatte zunächst keinen Cutaway, dafür aber den legendären P-90 Pickup in der Halsposition (das ist der Single-Coil-Pickup, den auch die ersten Les Pauls hatten, bevor die Humbucker erfunden wurden). Was also lag näher, als meine ohnehin akustisch mies klingende Framus in eine toll klingende elektrische Gibson zu verwandeln? - Eine kurze Recherche ergab, dass alle benötigten Teile frei erhältlich waren (auf der Gibson-Seite gibt es sogar den originalen Schaltplan), also habe ich zunächst einen originalen Gibson P-90 Pickup (Dog-Ear), sowie das dazu passende Schlagbrett erstanden. Erst danach musste ich feststellen, dass die Decke der Framus viel zu stark gewölbt war, um den P-90 einfach so darauf zu schrauben. Außerdem benötigte der P-90 doch eine Ausfräsung von nicht unbeträchtlicher Größe, aber davon später. Eine neue Saitenhalterung (Tailpiece) im Gibson-Archtop-Stil gab es bei Rockinger, einen Satz Schaller Deluxe-Mechaniken hatte ich noch übrig von meiner längst verstorbenen Ibanez SG. Thomann hatte nicht nur den originalen Gibson P-90, sondern auch Gibson Vintage Potis (500 kOhm) mit den originalen Gibson-Knöpfen, sowie eine Endpin-Klinkenbuchse und eine neue Bridge aus Ebenholz. Auf der Framus-Webseite fand ich dann den Weg zum Warwick-Shop, wo ich ein neues Framus-Logo (das alte war teilweise abgeblättert), eine Vintage-Trussrodschrauben-Abdeckung (mit Framus-Weltkugel-Logo) und einen Kunststoff-Sattel bestellte.

Was noch fehlte, war ein Dremel für die Fräsarbeiten, aber den wollte ich sowieso immer mal haben. Das Loch war schnell gefräst und darunter waren zum Glück keine Verstrebungen, allerdings musste ich feststellen, dass ich mich bei der Ausrichtung des Pickups zu stark nach der Mittellinie der zweigeteilten Decke gerichtet hatte. Der Hals sitzt jedoch ein paar Millimeter weiter rechts. Zum Glück ist die Dog-Ear-Kappe groß genug, so dass das Loch etwas breiter werden durfte. Als nächstes waren dann die Mechaniken dran. Die neuen überdeckten leider die Schraubenlöcher der alten nicht, weshalb ich die erstmal mit eingeleimten Zahnstochern stopfen musste.

Die überstehenden Zahnstocherstiele wurden vorsichtig plangeschliffen und mit schwarzem Nagellack überzogen. Nagellack bietet sich an, weil er wie der alte Originallack ebenfalls auf Nitrocellulosebasis ist. Danach kamen die Schaller-Deluxe-Mechaniken drauf, dann habe ich provisorisch Saiten aufgezogen um den Pickup auszurichten und zu fixieren. Schließlich wurden die Löcher für die Potis gebohrt, die Elektrik verlötet und eingebaut. Schlagbrett montieren, Pickup-Kappe und Bridge der Deckenrundung anpassen und aufsetzen - fertig ist die Framus-Gibson! 

Halt - so einfach war es dann doch nicht!  - Insgesamt war das doch um Einiges komplizierter, als ich mir das vorgestellt hatte. Zunächst mal hatte ich mir bei YouTube ein paar Lehrvideos von Stewart-McDonald angeschaut. Darin zu finden war eine geniale Idee, wie man es schafft, die Potis einzubauen, die ja von innen durchgesteckt werden müssen: man kauft im Baumarkt zwei Plastikschläuche mit 6mm Innendurchmesser, führt die von außen durch die Löcher, bis sie an der Pickup-Öffnung wieder erscheinen. Dann zuerst die Federringe draufschieben und schließlich werden die Potiachsen einfach in die Schlauchenden gesteckt. Dann die Schläuche vorsichtig zurückziehen und die Potis erscheinen genau da, wo sie hin sollen. Festschrauben, fertig. Leider hatte ich versehentlich das Tone-Poti falschrum angelötet. Wegen der logarithmischen Kennlinie konnte ich das auch nicht so lassen, also alles wieder zurück und auf Anfang. Schwierigkeiten gab es auch bei der Klinkenbuchse. Hier hatte ich eine Endpin-Buchse gekauft, wo man also gleichzeitig den Gurt dranhängen kann, denn ich wollte nicht noch ein Loch bohren. Hätte ich aber besser gemacht, denn die Gitarre hat innen eine dicken Holzblock, durch den ich von außen nicht nur durchbohren musste, die Bohrung musste hinter dem äußeren Loch auch noch erweitert werden, da das Buchsengehäuse da dicker war, als das Stück, das nach außen durchgesteckt wird. Ging dann aber mit dem Dremel noch ganz gut.
Im zweiten Lehrvideo haben ich dann gelernt, wie man eine Archtop-Bridge perfekt an die Deckenwölbung anpasst: Es wird einfach ein Streifen Schmirgelpapier auf die Decke geklebt, an die Stelle wo später die Bridge sitzen soll. Dann die Bridge aufsetzen und kurz vor und zurückbewegen, bis alles abgeschliffen ist. Hat bei mir trotz vorherigem Dremeleinsatz gut zwei Stunden gedauert, denn die Framus hat wie gesagt schon eine recht extreme Deckenwölbung. Den Trick habe ich dann für das Pickup-Gehäuse wiederholt, da kam aber anschließend noch ein 2mm dickes Stück schwarzen Moosgummis drunter, das ich aus einem Mousepad gewinnen konnte.

Oben links ein Blick ins Innere. "65K" bedeutet, dass die Gitarre im November 1965 hergestellt wurde. Oben rechts die Kopfplatte mit entfernten Logoresten und noch ohne Sattel, Trussrodschraubenabdeckung und Mechaniken. Die Öffnungen wurden bereits vor 30 Jahren von mir aufgebohrt. Mitte links: Die Potis wurden "fliegend" verdrahtet, wobei der Lochabstand gleich berücksichtigt wurde. Die Verbindung ist recht starr., was das Einbauen etwas erleichtert. Mitte rechts: Die fertig vorbereitete Decke mit allen Bohrungen. Fotos unten: Hier kann man sehr schön die relativ starke Deckenwölbung erkennen.
 Die neuen Mechaniken passten von der Größe her gut, wenngleich die tulpenartigen Flügel einer Les Paul besser stünden, aber egal. Das neue Logo war auch spielend aufgeklebt, wobei ich feststellen musste, dass das alte Logo einen Tick größer war. Macht aber nichts. Die Trussrodabdeckung aus dem Framus-Vintage-Shop passte nicht auf die vorhandenen Schraubenlöcher, deckte diese aber trotzdem gut ab. Ich hab es dann bei einer Schraube belassen, deren Loch bereits vorgebohrt war. 
Bei der Saitenhalterung gab es ein kleines Problem - nachdem ich die Saiten aufgespannt hatte, bekam ich den Eindruck, dass es schief sei. Da es zwei Schrauben hat, mit dem man den Abstand justieren kann, habe ich das mal gemacht- großer Fehler! Denn die Saiten waren noch drauf und offenbar ist dann der Zug zu hoch, jedenfalls hatte ich schnell das Gewinde der rechten Schraube geschrottet. Ein neues Tailpiece musste also her (24 Euro). Hatte kurz dabei überlegt, eine etwas kürzere Version zu kaufen (7 statt 11 cm), denn meine Framus ist ja deutlich kleiner als die Gibson, mich dann aber doch nochmal für das große Teil entschieden.

Fertig - aber zunächst leider kaum bespielbar!
 Die große Enttäuschung kam, als ich die Saiten dann drauf hatte - der Hals war nur grenzwertig bespielbar. Bis zum 5. Bund noch ganz OK, wurde es weiter höher immer schlimmer. Die B-Saite hatte dann am 12. Bund bereits den Ton vom 14., d.h. im 12., 13. und 14. Bund erklang dieselbe Note. Klar, hier war wohl ein Bundstäbchen zu hoch. Das Abrichten wollte ich aber nicht selbst machen, denn dabei kommt es auf Bruchteile von Millimetern an; man braucht also mindestens die Messwerkzeuge. Also ab zu Uli Kurtinats Gitarrenladen in Köln-Ehrenfeld

Der Hals musste jedoch von Grund auf neu eingestellt und die Bünde abgerichtet werden. Der Nullbund war zu niedrig und musste komplett erneuert werden. Als ich nach vier Wochen die Gitarre zurückbekam, bin ich fast hintenrüber - sie ist jetzt perfekt eingestellt, die Saitenlage ultraflach und so ist sie beinahe leichter zu bespielen als meine Telecaster. Das Griffbrett sieht aus wie neu und die Bünde glänzen. Auch der Klang hat deutlich gewonnen - sicherlich gibt es Gitarren mit längerem Sustain, aber das ist jetzt weit entfernt vom perkussiven, allzu trockenen Fast-Banjo-Klang nach meiner "ersten Hilfe" 1981. Einen großen Anteil daran hat sicherlich der jetzt perfekt angepasste Ebenholz-Steg und auch das schwere Tailpiece aus massivem, verchromtem Stahl. Die Schwingungen werden so viel besser auf die Decke übertragen. Und nicht zu vergessen die großartige Leistung von Rüdiger, dem Gitarrenbauer in Uli's Musikladen. Das waren die besten 141 Euro, die ich hier investiert habe.

Dieses Foto hat zum Vergleich eine ähnliche Perspektive wie das der Gibson ES-125 oben. Die Framus ist deutlich schmaler und etwas kürzer als die Gibson, wobei die Mensur identisch ist (62,5 cm). Die allererste ES-125 (gebaut 1941/42) war jedoch schmaler: nur 36 cm. Die Framus hat 34 cm an der breitesten Korpus-Stelle.

Ob sich der Aufwand nun gelohnt hat? Gut 370 Euro habe ich an Material und für die Werkstatt ausgegeben, wobei ich die Gitarre selbst ja schon hatte. Dazu kommen noch gut 10 Stunden Arbeit auf meiner Seite. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Gitarre (von der gesperrten Decke abgesehen) schon hochwertig verarbeitet ist, hat sich die Modifikation durchaus gelohnt. Der Klang, auch über den Pickup, ist einfach klasse und ich mag besonders den kleinen, sehr handlichen Korpus, der ungefähr Parlor-Dimensionen hat.
Hätte ich nichts gemacht, hätte ich die Gitarre irgendwann entsorgt - wäre schade drum gewesen. Also war das aus meiner Sicht eine vernünftige Investition.

Aber die Geschichte geht noch weiter... HIER!